"Gute Tränen, schlechte Tränen" - und was das bedeutet


Ich erinnere mich noch genau an diese eine Frau, wie sie mir gegenübersaß.

Sie weinte. Und sagt: "so geht das schon seit Monaten". Immer wieder. Über dasselbe. Und jedes Mal danach: erschöpft, leer, irgendwie beschämt. „Ich weiß nicht, warum das nicht aufhört", sagte sie.

Ich kannte das. Aus dem echten Leben, zum Beispiel meinem eigenen. Eine weise Therapeutin sagte damals zu mir: du wirst sehen, irgendwann ist der See an Tränen ausgeweint. Und auch wenn das in dem Moment den See an Tränen nicht verändert hat, irgendwie hat es mir geholfen und mir Hoffnung gegeben.

Und ich kenne die Traurigkeit, das Weinen und die Frage nach dem Umgang damit von vielen Menschen, die zu mir kommen.

Jedenfalls, worüber ich heute schreiben mag: es gibt Tränen, nach denen du leichter bist. Wie so ein richtiger Befreiungsfluss. Und dann sind da die Tränen, nach denen du dich fragst, warum du überhaupt geweint hast, weil es gefühlt "nix gebracht" hat.

Was steckt eigentlich in einer Träne?

Kürzlich hat mir jemand erzählt, dass man Tränen mit dem Mund auffangen sollte, wegen der wertvollen Inhaltsstoffe und so. Ob das wirklich so stimmt, weiß ich nicht. Aber dass Tränen tatsächlich besondere Stoffe enthalten? Das stimmt!

Biochemisch gesehen gibt es drei Arten:

  • Basaltränen – sie halten die Augen feucht, immer aktiv, du merkst sie kaum
  • Reflextränen – wenn du Zwiebeln schneidest oder Rauch ins Gesicht bekommst, fließen sie einfach
  • Emotionale Tränen – und das sind die, um die es heute geht

Emotionale Tränen enthalten etwas, das die anderen nicht haben: Stresshormone. Cortisol, ACTH – Botenstoffe, die dein Körper bei Belastung ausschüttet. Und wenn du weinst, scheidet er diese Stoffe buchstäblich über die Tränen aus. Gleichzeitig werden Endorphine (sogenannte Glückshormone) freigesetzt.

Das ist nicht nur eine schöne Metapher. Das ist Körperchemie.

Weinen kann also wirklich reinigen!.

Woran erkennst du, dass Tränen dir gut tun?

Ich frage meine Klient*innen manchmal: Wie war es nach dem Traurigsein, nach dem Weinen? Nicht währenddessen, sondern danach.

Gute Tränen haben so eine Art... Nachklang. Du bist vielleicht erschöpft. Aber du bist leichter. Du kannst tiefer atmen. Oder tief in deine Kissen fallen. Manchmal kommt vielleicht ein Seufzer oder ein Lächeln mitten im Wein-Anfall oder kurz danach. Du weißt (ungefähr), warum du geweint hast. Und irgendwie hat sich etwas gelöst.

Diese Tränen entstehen, wenn etwas wirklich berührt wird. Wenn ein Gefühl, das lange gewartet hat, endlich ankommen darf. Wenn es sich löst, davonfliesst und wir es nicht aufhalten. 

Für mich ist das ein Zeichen, dass das System lebendig ist und (Aus-)Wege sucht, etwas loszulassen und zu lösen.

Und manche Tränen erschöpfen - aber warum?

Das andere Weinen kennst du vielleicht auch.

Du weinst, aber du weißt nicht wirklich warum. Oder du weißt es, aber es ändert sich nichts. Die Tränen kommen immer wieder, über dasselbe Thema. Danach bist du nicht leichter. Vielleicht bist du leer oder schämst dich sogar, willst dich vergraben und gefühlt geht nichts weiter.

Warum ist das so?

Weil diese Tränen oft keinen echten Abfluss haben. Das Gefühl dahinter wird zwar angedippt aber nicht wirklich berührt. Es ist ein bisschen wie ein Topf, der immer wieder überkocht, ohne dass jemand die Hitze runterdreht. Der Schmerz ist da. Die Tränen kommen. Aber das, was den Schmerz eigentlich nährt ist ein altes Muster, ein ungehörtes Bedürfnis, ein Erlebnis, das noch nicht verarbeitet ist. Und das bleibt unangetastet und daher löst es sich nicht wirklich.

Manchmal steckt auch Scham dahinter. Oder die Überzeugung, dass Weinen nichts bringt. Dann fließen die Tränen zwar äußerlich, aber innerlich bleibt es zu. Kein echter Kontakt mit dem, was wirklich da ist.

Hier ist das Weinen kein Ventil. Es ist ein Negativ-Kreislauf, der sich selbst nährt.

Das bedeutet nicht, dass etwas falsch mit dir ist. Es bedeutet, dass dein System vielleicht mehr oder einen anderen Impuls braucht als Tränen. Es braucht vielleicht einen anderen Menschen. Oder Begleitung. Einen Raum, in dem das, was dahinter wartet, auch wirklich sein darf.

Der homöopathische Blick – und warum er mich immer wieder fasziniert

In der Homöopathie gibt es eine Rubrik, die ist wirklich spannend: Trost bessert, oder Trost verschlimmert.

Das klingt simpel, ist aber elementar. Sowohl für das Verständnis der inneren Dynamik und natürlich auch für die Mittelauswahl.

Pulsatilla – das ist das Mittel für Menschen, die offen weinen, die Nähe suchen, wenn sie traurig sind. Wenn jemand kommt und sie hält wird "alles besser". Der Trost wirkt. Die Tränen fließen, und danach ist die Welt wieder ein bisschen heiler und weicher.

Natrium muriaticum– ganz anders. Diese Menschen tragen ihren Schmerz tief in sich. Sie weinen entweder gar nicht, oder wenn, dann nicht vor anderen. Wenn jemand versucht, sie zu trösten, ziehen sie sich zurück. Trost fühlt sich hier falsch an. Zu viel. Zu nah. Sie brauchen erst mal Raum, keine Umarmung.

Oder Causticum. Hier trägt der Mensch eine tiefe Empörung in sich - ob über Unrecht, über Verlust oder über das, was hätte anders sein sollen. Auch hier: Trost kann das Fass zum Überlaufen bringen, weil er die Wunde berührt, ohne sie wirklich zu heilen.

Was mich daran so berührt: Die Homöopathie fragt nicht „Was ist falsch mit dir?" – sie fragt „Was braucht dieses System gerade wirklich", z.B. Nähe oder Raum?

Was du jetzt tun kannst

Drei Impulse, ganz konkret:

Beobachte dich nach dem Weinen. Leichter oder schwerer? Das ist dein wichtigster Hinweis.

Frag dich: Brauche ich gerade Nähe oder Raum? Beides ist erlaubt. Beides ist richtig. Aber es hilft, es zu wissen, damit du dir selbst geben kannst, was du brauchst. Oder weißt, wen du jetzt brauchst.

Wenn Tränen immer wiederkehren, ohne dass sich etwas verändert, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Dein System sucht vielleicht nach etwas, das es alleine nicht findet.

Ein letzter Gedanke

Tränen sind eine Sprache. Und wie jede Sprache kann man lernen, sie zu verstehen.

Manchmal sagen sie: Ich bin angekommen. Ich darf fühlen. Ich kann loslassen. Ich darf mich fallenlassen.
Manchmal sagen sie: Ich stecke fest. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich brauche Hilfe.
Beides verdient Aufmerksamkeit. Beides ist wertvoll.

Wenn du das Gefühl hast, dass deine Tränen eher in die zweite Kategorie fallen, dass du dich im Kreis drehst, ohne Erleichterung, dann bin ich gerne für dich da. Nicht um das Weinen zu stoppen. Sondern um gemeinsam zu schauen, was dahinter wartet. Was gesehen und gefühlt werden will. Was dich hält und fließen mag. 

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Von Herzen, Katrin

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