Über therapeutische Prozesse und das Weltgeschehen

„Wir haben nichts zu verlieren, außer unsrer Angst“
oder:
Wie mich der Prozess einer Klientin zu diesem Post entflammt hat, bei dem es (auch) um die Epstein-Files geht.

Gestern ging es in einer Session mit einer Klientin darum, dass sie auf eine Situation mit einer nahestehenden Person, nicht so reagieren konnte, wie sie es gewollt hätte: gerne hätte sie NEIN gesagt. Oder STOP. Oder: ich will das anders.
Stattdessen: Freeze. Hinnehmen. Aushalten.

In unserer Session gab es Überlegungen, welche Gefühle verhinderten, dass sie ganz ihre Wahrheit empfinden und ehrlich kommunizieren konnte. Und wie ihre reale Reaktion auch jetzt noch - ein paar Tage danach - sein könnte. Es erschien so schwierig, das wirklich aktiv in die Tat umzusetzen!

Ein Seufzer: „Ach, ich hatte gehofft, ich muss NUR etwas IN MIR ändern, und das würde reichen, um daraus zu lernen.“

Ja. Sehr verständlich. Und ich fühle total mit - mit diesem Anteil, der Angst hat, nicht mehr geliebt zu werden, wenn sie Nein sagt oder ihre Wahrheit spricht. Der Teil, der hofft: wenn ich mich nur genug anpasse, wird alles gut.

Und dennoch: Aussitzen, schweigen, aushalten bringt (oft) nichts. Es wird (meist) nicht alles von allein (wieder) gut.

Genau das ist Teil meiner Arbeit und warum ich das für so sinnvoll halte: Trauma verarbeiten, damit wir wieder einigermaßen frei handeln können. Konditionierungen hinterfragen und aufbrechen - damit wir wieder einigermaßen frei handeln können. Einen weiten Raum voller Mitgefühl anbieten, damit eingesperrte Anteile wieder einigermaßen frei handeln können.

Und ja genau, wie soll das jetzt gehen - dieses Handeln?

Wir müssen unsere inneren verlassenen, ungeliebten, sich wertlos fühlenden Anteile so sehr aus der Angst in die Sicherheit bringen; den inneren Kleinen / die innere Kleine so sehr lieben und bestärken, so sehr ernst nehmen in seinem / ihrem Bedürfnis, dass es möglich wird, mit egal welcher Reaktion vom Außen souverän umzugehen.

Denn sowohl im Umgang mit inneren Anteilen, als auch im Umgang mit ganz realen Menschen gilt:

Wenn wir bei Unrecht schweigen, bestärken wir damit indirekt die Täterposition. Wenn wir schweigen, lassen wir durchgehen, was geschehen ist.

Es ist nicht neutral, wegzusehen. Es ist nicht erleuchtet, still (un)wissend zu nicken statt etwas zu tun. Es ist nicht heilig nichts zu sagen.

Nochmal - was kann das bezüglich unserer Innenwelt bedeuten: Nur wenn wir den Anteil, der Opfer ist, ernst nehmen und für ihn einstehen - kann unser Inneres aufatmen und wir wieder anfangen uns selbst zu vertrauen.

Und wie kann dieses Handeln aussehen bezüglich dem, wie sich die Welt uns im Außen zeigt: auch hier muss ich ernst nehmen, was ich gerade sehe, mich der Angst stellen und Konsequenzen ziehen. Aussprechen, dass mir der wachsende Rechtsruck Sorge bereitet und ich froh bin, wenn mein Freund Laternen von rechtslastigen Aufklebern befreit. Bekennen, dass mich Begriffe wie „minderjährige Frauen“ ekeln, weil hier eine Doppelmoral offenbar wird, die auf patriarchalen Säulen wuchert. Mir eingestehen, dass ich insbesondere in der Öffentlichkeit oft sehr „nett“ bin, was meine Beiträge verwässert, wo ich eigentlich mit klarem Blick eine sanfte, aber deutliche Revoluzzerin sein könnte.

Wenn ich also genauer hinsehe:

So, jetzt habe ich mir einen langen Text von der Seele geschrieben, bis ich zu dem Punkt komme, der mir die letzten Tage total missfiel: Warum sagt keiner der „grossen Spiris“ etwas zu den Epstein-Files? Die haben doch sicher auch eine Meinung. Und Reichweite.

Ich weiß es nicht, warum fast keiner was sagt und stattdessen Spiri-Wellness munter weiter vermarktet wird, als hätte nicht ein verurteilter Sexualstraftäter mit einem der ganz großen Bewusstseinslehrer aus der Spiri-Szene regelmäßig Kontakt gehabt. Als hätte man keine Stimme, die schreiben, sagen oder verbreiten kann: „hört auf, seine Bücher zu kaufen, denn es war von Grund auf falsch, dass und wie er sich beteiligt hat!“ (Anmerkung: es geht hier um Deepak Chopra, man kann es selbst recherchieren).

Es ist, als würden gewisse Themen einfach kurz ausgeblendet, so als wäre jetzt plötzlich nicht alles eins oder „alles mit allem verbunden“? Oder vielleicht soll sich jemand anders drum kümmern?

Und jetzt zurück zu mir!

Jetzt versuche ich vom Fingerzeigen wieder abzukommen. Und fasse ich mich an der eigenen Nase: Ich erkenne an, dass auch ich manches Mal Angst verspüre, abgelehnt oder verurteilt zu werden, wenn ich offen meine Meinung sage. Dass ich daher auch durch Schweigen Dinge hinnehme. Ich versuche, mich heute ein klein wenig zu kümmern. Ein bisschen lauter und unbequemer zu sein als sonst.

Und so schreibe ich also für MICH und für DICH und meine wirklich kleine erlesene Community und setze darauf, dass immer mehr es tun:

Schreiben gegen das Vergessen. Zeigen, was missfällt. Das Ungehörte laut aussprechen. Teilen gegen die Unvernunft - und Lieben! Ja. Wirklich tief und echt und zärtlich Lieben - im Zweifel, bis die Welt untergeht.

25.2.2026 – Katrin Kittelberger

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Kommentare

Peggy
Vor 9 Stunden

Im Zweifel, bis die Welt untergeht. Das trifft mich - es bewegt mich, denn ich fühle mich oft ohmächtig angesichts dieser Geschehnisse, in der Welt insgesamt, zu den Files im Besonderen. Ich finde selbst kaum Worte dafür, teile nur immer die Statements die mir tief aus der Seele sprechen, und will sie so in die Welt hi ausschreien. Damit das Wegsehen aufhört. Die Ambivalenz der Welt ist gerade wirklich schwer zu ertragen. Danke für deine deuliche, klare und liebevolle Stimme. Peggy